Mein Jahr mit Brustkrebs


 

Ende Januar 2001 ging ich zum Arzt, es wurde eine Biopsie gemacht, das Ergebnis war „gutartig“. Inzwischen hatte ich aber starke Schmerzen und musste mich immer wieder hinlegen, weil ich so schlapp war. Trotz der Meinung des Arztes, ich könne mir mit der Entfernung der „Zyste“ Zeit lassen, wollte ich sie so schnell wie möglich entfernen lassen.

Ich ließ mir die Zyste im Krankenhaus entfernen. Als ich zum Fäden ziehen zu meiner Frauenärztin kam bekam ich die Diagnose. Ich war so schockiert, dass ich zu keiner Gefühlsregung fähig war. Ich ging zur nächsten Telefonzelle und rief meine Tochter an. Ich sagte: „Du, Heidi, ich habe Krebs“ und wir weinten beide.

In der Klinik folgten unzählige Untersuchungen, mir wurden radioaktive Substanzen gespritzt, deshalb durfte ich keine Kinder küssen und musste mich von Schwangeren fernhalten. Bei einer anderen Untersuchung musste ich innerhalb von zwanzig Minuten sechs Liter einer trüben Flüssigkeit trinken.
Eine zweite Operation folgte, bei der noch ein zweiter Tumor und 25 Lymphknoten entfernt wurden. 19 Lymphknoten waren befallen, das heißt, die Krebszellen waren schon in die Lymphbahnen und somit in meinen Körper gelangt. Sie wollten die Brust amputieren aber ich gab mein Einverständnis nicht, weil ich dachte, wenn du diesen Scheiß überlebst, dann hast du ein Problem. Als ich in der Klinik angekommen war, sprach ich mit einer Patientin und klagte, dass ich mir doch nicht meine Brust abnehmen lassen kann, wenn ich nicht einmal weiß wie das aussieht. Sie hob ihren Pullover hoch und zeigte mir ihre amputierte Stelle. Es sah nicht so schrecklich aus, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Meine damals 23jährige Tochter half mir in dieser Zeit ungemein. Wir entschlossen uns dann, nach einem Informationsgespräch, dass ich die Chemo in Tübingen machen werde, weil mir die Ärzte dort ein sicheres Gefühl gaben und das erste Mal sagten, jeder habe eine Chance zu überleben, egal wie gut oder schlecht die Diagnose wäre.
Bei der Chemotherapie werden erst die Venen gereinigt, also man bekommt erst eine Transfusion mit Kochsalzlösung, dann bekommt man eine Transfusion mit Cortison gegen die Nebenwirkungen, dann erst bekommt man die eigentliche Chemo. Ich bekam noch eine zweite Substanz, diese wurde vom Arzt aus einer großen Spritze über einen dünnen 1 Meter langen Schlauch gespritzt. Das Zeug war knallorange und als ich eine halbe Stunde später auf die Toilette musste bin ich vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen, denn meine Ausscheidung hatte die gleiche Farbe. Der Arzt musste die Substanz genau innerhalb von zehn Minuten spritzen, dann blieb er noch eine halbe Stunde an meinem Bett sitzen, denn falls es zu einem allergischen Schock kommen würde, und ich nicht sofort wieder belebt würde wäre alles zu spät. Übrigens starben damals zehn Prozent der Krebspatienten an den Folgen der Chemo. In die Vene wird einem vor der ganzen Prozedur ein sogenannter „Schmetterling“ gesetzt. Das ist ein Infusionsanschluss der mehrere Arme hat, damit mehrere Infusionsflaschen angehängt werden können. Die Chemo dauert den ganzen Tag. Ich musste morgens um halb neun da sein und war meist abends um fünf oder sechs fertig. Dann noch 1,5 Stunden Fahrzeit.

Die Station war eine Tagesklinik, die Zimmer hatten zwischen vier und sechs Betten, die nur, wenn man untersucht wurde, mit Vorhängen abgetrennt wurden. Man lag nur auf Bettlaken, die, wenn die Behandlung abgeschlossen war, für den nächsten Tag ausgewechselt wurden. Die Patienten, denen es nicht so schlecht ging, bekamen kein Bett, sie saßen auf Stühlen. Die Station war jeden Tag übervoll und das Personal total überlastet. Trotzdem wurde man fast immer professionell versorgt. Mit den Männern und Frauen, die mit im Zimmer lagen, sprach man nicht viel, jeder war mit seinem eigenen Leid beschäftigt. Die Männer kamen fast ausnahmslos in Begleitung von Frauen und wurden von hinten bis vorne verhätschelt. Ich wusste manchmal nicht, wie ich mittags meine Suppe essen soll, weil ich so viele Schläuche an mir hatte, dass es fast nicht ging, mich zu bewegen.

Vor der ersten Chemo ging ich noch mal zum Friseur, ließ mir die Haare schön machen, denn man hatte mir gesagt, ich würde sie verlieren. Nach der ersten Chemo wusch ich mir das Haar, drehte die Bürste rein um zu föhnen. Ich zog die Bürste heraus und die Haare hingen in der Bürste. Innerhalb von zwei Tagen war ich fast kahl. Auch meine Periode bekam ich nicht mehr. Ich sammelte meine Haare in einer Tüte und wunderte mich, wie wenig es waren. Ich trug nie eine Perücke, obwohl ich eine hatte, sondern kaufte mir verrückte Hüte und Mützen. Ich verlor alle Haare am Körper auch die Schamhaare. Die Augenbrauen und die Wimpern blieben am längsten. Zum Schluß, als ich schon in der Reha war, hatte ich auf jeder Seite noch drei Wimpern, die ich täglich sorgfältig tuschte. Dann fielen sie auch noch aus, aber man sah, dass schon winzige nachwuchsen, sie waren schon mindestens einen Millimeter lang!

Die Bestrahlung dauerte sechs Wochen täglich und war mitten im heißen Sommer. Man soll in dieser Zeit so wenig wie möglich duschen, damit die Farbe hält, weil man angezeichnet wird. Zuerst wird man vermessen. Ich saß im Wartezimmer, der Arzt kam und rief: „ Za“. Ich sprang gleich auf, das konnte nur ich sein. Als wir drin waren, sagte er: „Das Kopftuch müssen sie schon abnehmen“. Ich dachte, hä, es geht doch um die Brust? Es kam dann heraus, dass er einen anderen Patienten aufgerufen hatte und ein Schädel CT machte.

Ich wurde im „Sandwichverfahren“ bestrahlt, d.h. die Bestrahlung erfolgte von zwei Seiten, ich war das Sandwich. Der fast dunkle Raum war eine Art Bunker mit dicken Mauern und Stahltüren. Ich lag auf einer Liege die durch einen roten leuchtenden Strich geteilt war. Eine Schwester richtete mich auf der Liege aus, verließ den Raum schloß die Stahltür, nun war ich allein. Ein riesiges Gerät fuhr über mich und gab seine Strahlung ab, wechselte die Stellung, gab wieder die Strahlung ab. Die Stahltür öffnete sich und ich war fertig. Ich hatte gelesen, man soll sich visualisieren, d.h. man soll sich vorstellen wie die Strahlen die Krebszellen vernichten. Also stellte ich mir vor, meine Krebszellen seien wilde Indianer, die von den Strahlen, die Pfeile der gegnerischen Sippe waren, abgeschossen würden. Das machte mir echt Spaß. Mir war sechs Wochen speiübel und nur Eis linderte das Kotzgefühl etwas. Außerdem waren ein paar Monate später auf der Seite, wo die Bestrahlung war, alle meine Zähne kaputt.

Mein Humor kam in dieser Zeit aber auch nicht zum Schweigen. Wenn ich eine Rauchen ging, sagte ich: „Ich geh jetzt mein Haustier füttern“. Im Sommer fragte mich ein Mann, ob ich immer so kurze Haare hätte, worauf ich antwortete: “Nein, nur an Fastnacht“. Als ich bei der Bestrahlung war, wo man mit schwarzem Edding angezeichnet wird und die Schwester sich wunderte, warum ich plötzlich einen dunklen Strich auf dem Rücken hatte, sagte ich: „Jetzt haben sie durchgemalt“ (ich habe da ein Muttermal)! An der Nordsee lag ein Krebs im Sand, meine Tochter meinte: „Sieh mal, da ist dein Kumpel“! Mein Arzt gab mir die Spritze einmal im Monat immer im Knien. Ich meinte, er sei der einzige Mann der jemals vor mir kniet, er erwiderte: „Das mache ich gern bei Ihnen“. Als er mir riet, ich solle mir einen Freund zulegen, antwortete ich: „Der einzige Mann, der sich für mich interessiert, ist mein Apotheker“.

Es gab auch traurige und verzweifelte Dinge. Samstagnacht klingelte das Telefon, es war die Tochter meiner Freundin Hillu, Hillu war gerade gestorben. Mittwochs hatte ich noch mit ihr gesprochen, sie wollte bummeln gehen. Ein 16jähriger Junge fuhr immer mit uns nach Konstanz zur Bestrahlung, Hodenkrebs. Ich hätte jedes Mal heulen können, er hat sein ganzes Leben noch vor sich. Auch eine bildschöne Mama mit vier kleinen Kindern lernte ich kennen, sie hatte oft ihr Kleinstes dabei und wir passten auf, solange sie bestrahlt wurde. Sie hat es nicht überlebt. Ich konnte während dieser Zeit fast nicht essen, bekam teilweise Astronautenkost. Nachts hatte ich Erstickungsanfälle und Albträume. Der Geruch von Zahnpasta und  Duschgel war so eklig, dass es mich würgte, wenn ich es benutzte. Ich hatte Schmerzen in allen Körperteilen die es gibt, sogar in den Zähnen. Ich konnte nichts mehr in den Händen halten und stolperte beim Gehen, weil Hände und Füße taub waren. Mein Bett konnte ich oft tagelang nicht verlassen, weil es mir so schlecht ging, ich hatte rasende Kopfschmerzen. Ich traute mich oft nicht mehr unter die Leute, sah schrecklich aus, alle starrten mich an, ich schämte mich. Ich ging nachts spazieren. Am Schluss der Behandlung konnte ich keine 500 Meter mehr laufen, kam in Reha und lernte, etwas belastbarer zu werden. Bis heute bin ich nicht mehr so belastbar. An Radtouren und sportliche Betätigungen wie etwa Tischtennis spielen, was ich früher so gerne tat, ist überhaupt nicht mehr zu denken. Irgendwann bekomme ich rasende Kopfschmerzen und bin total erschöpft. Auch meine Denkfähigkeit ist eingeschränkt. Das alles führt dazu, dass ich psychische Symptomatiken entwickle und mich vor meinen früheren Bekannten, die mich ja ganz anders kennen, schäme. Ich wäre so froh, einfach wieder ein normales Leben führen zu können.                                                                                                            H.Z.