Von jedem ein bisschen – Sprachverwirrung in Deutschland


Ich habe schon früh gemerkt, dass Kommunikation mit meinen Großeltern gar nicht so einfach war, denn sie unterhielten sich untereinander und auch mit meinen Eltern auf „Plattdüütsch“. Sogar unsere Familienkatzen konnten „Plattdüütsch“ verstehen. Mit uns Kindern wurde natürlich Hochdeutsch
gesprochen. Dann gab es noch ein anderes Kommunikationsproblem in
unserer Familie. Meine Mutter schrieb – anders als wir es in der Schule lernten – nämlich in Sütterlinschrift. Was ich jetzt lustig finde, war damals schlimm, denn meine Mutter konnte mir nicht bei den Hausaufgaben helfen und sie schrieb auch den Einkaufszettel in dieser für mich so fremden Schrift. Irgendwann konnte ich auch ihre Schrift lesen und somit die
Einkäufe richtig erledigen. Meine Großeltern verstand ich nach und nach auch immer besser. Ich zog dann irgendwann von zu Hause aus und es ging
weiter mit den Dialekten. Ich arbeitete in Göttingen für eine Generalvertretung eines damaligen DDR-Kombinates. Die Geschäftsleitung, für die ich als Sekretärin arbeitete, stammte aus Sachsen. Ich erinnere mich noch heute an ein Diktat über eine Besuchsreise des Prokuristen im Schwarzwald. Er war auch in Triberg, ich verstand aber Driburg, weil ich den Ort kannte, aber nicht wusste, wo er liegt. So gab es noch einige Missverständnisse, aber am schlimmsten finde ich, dass es
niemandem aufgefallen war. Der Bericht ging so raus. Erst ein Kollege aus Westdeutschland wies mich darauf hin, dass da etwas nicht stimmen konnte. Das Besuchsprotokoll war aber bereits raus. Seit diesem Zwischenfall gaben mir die Chefs zum Diktat auch ihre Aufzeichnungen. Was ich nicht kannte, hab ich einfach abgeschrieben und mir gemerkt, dass
in ihrem Dialekt ein “P“ zum “B“, ein “T“ zum “D“ und ein „K“ zum „G“ wird. So lernte ich auch, dass ein „Broiler“ ein halbes Grillhähnchen, aber „Gänsefleisch“ nichts zu essen ist, sondern „Können Sie vielleicht“ bedeutet und „Nu“ im sächsischen „Ja“ heißt. Als dann die Grenzöffnung kam, zog es mich ins Rhein-Main-Gebiet. Da wurde hessisch gebabbelt.
Ich hatte eine Kollegin, die nur Dialekt sprach. Ich glaube, sie wollte auch nie Hochdeutsch lernen. Ich habe sie im Stillen als Bäuerin bezeichnet, weil sie in meinen Augen keine Sprachkultur hatte. Bei ihr verstand ich nur Bahnhof.

Ich erinnere mich an ein Gespräch zwischen anderen Kollegen. Sie sprachen über ein Kneippchen – sie redeten über eine kleine Kneipe, war mein erster Gedanke, konnte aber keinen Zusammenhang zu dem erkennen, worüber sie eigentlich sprachen. Schließlich stellte sich heraus, dass es sich um ein kleines Küchenmesser handelte. Ich lernte mit der Zeit auch, dass eine „Kolder“ eine Wolldecke ist, und nicht wie im Schwäbischen ein „Teppich“. Ein Frankfurter Volksfest ist zum Beispiel die „Dibbemess“, da werden auch Töpfe, eben „Dibbe“, verkauft,
wovon es den Namen hat. Ja, und jetzt bin ich in Überlingen. Ich dachte lange, hier wird schwäbisch geschwätzt, wurde aber vor kurzem berichtigt,
hier werde badisch gesprochen. Meine beste Freundin hier in Überlingen sagte mal, ich solle die Tasse heben, damit sie einschenken könne. Klar, ich hob sie an. „Nicht so hoch“ sagte sie, ich erwiderte: „Du hast doch gesagt, ich soll sie hochheben“. „Nein, nicht hochheben, eben heben“ kam von ihr
und dann die Erklärung: „heben“ heißt hier „halten“. Und das „it“ hier „nicht“ heißt, wusste ich auch nicht. Jetzt habe ich so viele verschiedene Dialekte kennengelernt, kann einen kleinen Teil davon verstehen, aber nirgends mitreden. Ein paar Begriffe sind hängengeblieben. Spontan fällt
mir „ein bissi“ ein, das ich in meinen Wortschatz aufgenommen habe, weil es so niedlich klingt und damit den Nagel auf den Kopf trifft. Von jedem ein bisschen.
 V.T.

pixabay

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