»Versteh mich nicht falsch!« – Warum man in der Psychose alles falsch versteht!


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In der Psychose ist alles anders. Ich rieche intensiver, ich sehe Sachen, die es nicht gibt. Ich verurteile Menschen, weil ich denke ihre Augen schauen mich böse an, weil sie es scheinbar nicht gut meinen mit mir! Meine Gedanken gehören nicht nur mir, Menschen reden mit mir in meinen Gedanken. Ich bin nicht frei. Das ist sehr schlimm und belastend! Oder der Ergotherapeut kann in meinen Kopf, kann mich steuern! Das ist furchtbar! Das Gefühl; nichts für sich selbst persönlich zu haben. Allein gelassen und doch wissen alle Bescheid! Und ständig diese grübelnden Gedanken, die nicht stoppen! Man muss „zu Ende“ denken! Doch dieses „Ende“ wird nie kommen… In solchen psychotischen Situationen merke ich extrem, dass Kommunikation nicht einfach ist. Selbst ein Smalltalk ist schier unmöglich! Ich sehe die Person vor mir, die mit mir reden möchte und kann mich nicht auf das konzentrieren, was sie sagen will. Ich achte auf die Augen, auf den Mund, auf Gesten, wie etwas gesagt wird und verstehe wirklich alles falsch. Auch Gespräche mit Ärzten und Therapeuten oder Pflegekräften sind unmöglich! Alles verunsichert mich und ich bin geistig abwesend, weil die Gedanken in meinem Kopf schießen und es hört nicht auf, ich springe gedanklich von Einem zum Anderen. Einmal auf der Aufnahmestation, ich war sehr

psychotisch, nur körperlich anwesend: Eine Mitpatientin fragt mich, ob ich einen Tee möchte, mit Zucker oder ohne. Ich sage: „natürlich bitte“! und meinte den Tee natürlich, ohne etwas drin. Sie brachte mir den Tee mit Zucker, weil sie das „natürlich“ anders aufgefasst hatte als ich es meinte. Eine andere Situation:
eine Mitpatientin lacht mich an. Ich denke aber, ihr Lachen ist böse, dass sie mir eins auswischen will. Dass sie mich reinlegen will, dass sie zu den schlimmen Menschen gehört, die nur Übles im Schilde führen und nichts Gutes im Sinn haben. Oder eine andere Situation: Mein Vater besucht mich auf der Station und bringt mir einen Marsriegel mit als Geschenk. Ich  denke, er will mich bestechen, damit ich das tue was er will. In Wirklichkeit will er mich nur trösten oder mir etwas Gutes tun. In diesem Krankheitszustand weiß ich nicht mehr, was real ist und was nicht. Die Grenzen verschwimmen und ich verliere mich mehr und mehr. Eine normale Kommunikation ist nicht mehr möglich! Weil ich nicht verstehe oder alles falsch verstehe, was die Menschen in der jeweiligen Situation von mir wollen. Und das alles wegen diesem einen Botenstoff zwischen meinen Synapsen, der zuviel ist! Die Medikamente bringen das wieder in Ordnung, damit ich normal denken und handeln kann.

feedback-1825515_800, pixabay

Dank der Medikamente kann ich auch wieder am normalen Leben teilhaben und komme langsam wieder in der Realität an. Wenn es mir dann langsam besser geht, kann ich nach und nach auch wieder verstehen, was andere zu mir sagen. Aber die Unsicherheit ist erst einmal noch sehr groß, es könnte ja schließlich immer noch sein, dass ich etwas falsch verstehe. Deshalb muss ich mich absichern, wie die verschiedenen Personen es meinen, wenn sie etwas zu mir sagen. Also frage ich nach und bitte um Rückmeldung, damit ich das Thema abhaken kann für mich! Missverständnisse müssen sofort aufgeklärt und besprochen werden, damit ich mich nicht NOCH länger damit auseinandersetzen, sprich darüber grübeln muss. Genesung ist ein Prozess. Das entwickelt sich. Man ist nicht gleich wieder „normal“ denkend. Es ist wie aus einem schlimmen Alptraum aufwachen: was war jetzt real, was war mein kranker Kopf? Und dann langsam merkend, was für ein „Quatsch“ ich gedacht habe… das tut mir dann leid, ich schäme mich und werde traurig. Doch es wird besser und besser, wenn ich fühle, dass die Medikamente ansprechen. Gespräche werden wieder verständlich. Im Kopf kommt langsam wieder eine Klarheit, eine Struktur zutage, die man braucht, um sich zurück ins Leben kämpfen zu können. Man spürt, dass die Dinge, auf die man so fixiert war, an Bedeutung verlieren oder auf einmal völlig unerheblich sind.

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