Ich war dann mal weg


Was verstehe ich unter Urlaub? Nur freie Zeit ohne Verpflichtungen oder „ich muss weit weg fahren oder fliegen“? Als ich mir diese Frage stellte wurde mir klar, dass ich das gar nicht mehr so pauschal beantworten kann. Meine Einstellung dazu hat sich im Laufe meines Lebens immer wieder verändert.
Als Kind gab es für die ganze Familie keinen Urlaub im klassischen Sinn. Und freie Zeit wurde sinnvoll verbracht. Wir hatten ein Haus mit großem Garten, da war immer was zu tun und übriges Geld wurde gespart. Reparaturen am Haus waren immer nötig und ein Auto wollten meine Eltern sich auch anschaffen. Als wir dann ein Auto hatten, fuhren wir zweimal im Monat zum „Multimarkt“, das war ein Einkaufszentrum, wo es außer dem Aldi noch andere Läden gab. Für uns Kinder war das immer ein Highlight, denn eines von uns durfte mitfahren und manchmal gab es eine Kleinigkeit, wie Schokolade, Gummibärchen oder auch mal etwas zum Spielen. Dafür mussten wir aber in den Wochen vorher ‚lieb‘ gewesen sein. Im Sommer sind wir manchmal für einen Tag mit unserem Auto weggefahren. Ich erinnere mich noch an einen Ausflug zum Serengeti Park, einem Tier- und Freizeitpark in der
Lüneburger Heide. Ein anderes Mal ging es zum Vogelpark nach Walsrode. Ich habe mal nachgeschaut, wie weit weg das ist und habe festgestellt, dass es jeweils eine Distanz von ca. 80 km war. Man muss sich das mal vorstellen: eine Familiemit drei Kindern und zwei Erwachsenen in einem kleinen Fiat 5oo, der damals noch

eine „lahme Ente“ war – das war ein Abenteuer! Es war mir aber nicht gut genug, weil viele meiner Freundinnen mit ihren Eltern an den Wörthersee
oder an die Nord- oder Ostsee fuhren. Erst aus heutiger Sicht kann ich mir sagen, dass wir es doch auch gut hatten, denn es gab auch Mitschülerinnen oder Mitschüler, die es sich gar nicht leisten konnten, überhaupt wegzufahren.
Als Heranwachsende durfte ich mal mit meiner Cousine und ihren Eltern eine richtige Urlaubsreise machen. Wir fuhren zum Campingurlaub nach Dänemark. 14 Tage weg von Zuhause und ans Meer, das ich nur von Bildern kannte. Ich war begeistert von der Ostsee. Nicht so gut gefallen haben mir
die Quallen, die im Meer schwammen, weil die so glitschig waren. Genossen habe ich die Zeit ohne meine Brüder, aber mit meiner Cousine. Als ich mein eigenes Geld verdiente und ohne meine Familie verreisen durfte, war ich der Überzeugung, nur ein Urlaub am Meer sei ein richtiger Urlaub, denn ich liebte die Nord- und Ostsee. Je älter ich wurde, desto größer wurde auch die Reichweite der Urlaubsreisen. Ich war in Tunesien, in Griechenland, auf Lanzarote und am Roten Meer. Ich muss gestehen, dass ich bei den ersten zwei Pauschalreisen zu den Leuten gehörte, die schon ganz früh Liegen am Pool oder auch am Strand mit Badetüchern „reservierten“. Heute belächele ich das Mitschwimmen im Strom. Ich hätte nicht gedacht, dass ich auch mal einen Aktivurlaub

in nordische Länder genießen würde, aber die Urlaube mit meinem damaligen Partner mit dem Wohnmobil in Norwegen haben mich ebenso fasziniert wie der in England. Wir haben uns zum Übernachten einfach hingestellt, wo es
uns gefiel. Den Norwegenurlaub im Oktober werde ich nie vergessen. Da wir ein Wohnmobil mit Allradantrieb hatten, kamen wir auch im Oktober an Aussichtspunkte ran, wo man mit einem „normalen“ Wohnmobil nicht mehr hingekommen wäre. Die Aussicht auf den Geirangerfjord mit den „Traumschiffen“ war überwältigend, am Songnefjord kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus, und spätestens nach der Wanderung zu einem Gletscher wusste ich, warum ich mir feste Wanderschuhe kaufen sollte. Die Urlaubsfreude wurde ein wenig getrübt, als wir von dem Untergang einer Fähre erfuhren, denn wir mussten ja auch wieder zurück und unsere Heim-reise ging per Fähre über Nacht übers Meer. Ich glaube ich muss nicht erwähnen, dass ich kein Auge zubekam. Der Englandurlaub war wieder im Winter, aber nur für sechs Tage, zu einer Auto-Rallye. Wir fuhren von einer Rallye-Station zur nächsten. Auch hier war ich fasziniert, dass wir den Autos so nahe kamen. Wir hatten natürlich eine Satellitenschüssel auf dem Wohnmobil, denn dann konnten wir auch die Übertragung der Rennen sehen, wenn wir doch mal Sightseeing machten. In meiner akuten Krankheitsphase war Urlaub kein Thema. Aber so vor circa drei oder vier Jahren machte ich mal wieder
bewusst Urlaub. Schon die Planung weckte die Vorfreude

darauf. Es ging noch nicht so weit weg, aber ich genoss diese Zeit bewusst. Meine Cousine und ich besuchen uns gegenseitig. Jetzt freue ich mich schon auf das Frühjahr, denn wir planen schon die Fahrt mit dem Glacier Express, dafür muss ich noch ein bisschen sparen, aber für das Ziel lohnt es sich.
Im Sommer habe ich Spaß daran, Busreisen zu unternehmen, die ein bis zwei Tage dauern. So richtig weite Flugreisen kann ich mir mit meinem kleinen Budget nicht mehr leisten, aber schon allein freie Zeit mit Leben zu erfüllen ist für mich ein Luxus, den ich mir leiste. Als ich vor drei Jahren eine medizinische Reha bewilligt bekam, durfte ich mir aus drei Orten einen aussuchen. Ich habe mir ohne Nachzudenken den an der Ostsee gelegenen ausgewählt. Es war ein Wagnis, das ich letztendlich gut gemeistert habe. Ich werde für die nächste Reha natürlich wieder die Ostsee auswählen. Ich bin froh, dass ich im GpZ die Möglichkeit habe, zu erlernen, meine Bedürfnisse zu spüren, sie auszudrücken und mich daran auszurichten. Das übe ich jetzt. Es hat auch dazu beigetragen, dass ich heute Gefallen an Ausflügen habe und
eben auch an kleineren Reisen – und dies für mich Urlaub bedeutet!
VT

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