Die Psychiatrie im Wandel


Pixabay

hellblau_punktWichtige Meilensteine in der Weiterentwicklung der Psychiatrie sind eine Reform in den 70er Jahren, die Selbstorganisation der Betroffenen ab den 90ern und die gegenwärtige professionelle Einbeziehung von Erfahrungsexperten. Im Folgenden wird diese Entwicklung – auch aus regionaler Perspektive – skizziert.

Die Reform
Mit der Einsetzung der sogenannten Psychiatrie-Enquete in den 70er Jahren sollten von professioneller Seite her die Verhältnisse für Psychiatrie-Betroffene besser werden: Entwurzelung, Entfremdung und Ausgrenzung, oft verbunden mit einer psychiatrischen Diagnose und stationären Klinikaufenthalten, wollte die Gemeindepsychiatrie entgegenwirken. „Raus aus den Anstalten, rein in die Gemeinde“ war ein damaliger Leitgedanke. Es entstanden ambulante Angebote mitten in den Kommunen – auch und gerade im Bodenseekreis.

Betroffene organisieren sich
Ein großer positiver Schub, wie ihn die Psychiatrie-Enquete der 70er Jahre für die Situation der Psychiatrieerfahrenen bedeutet hat, ist dann ab Beginn der 90er Psychatrie im Wandel | 4Jahre von Psychiatrieerfahrenen selbst ausgegangen. Betroffene in Deutschland begannen sich zu organisieren, für sich selbst zu sprechen und für ihre Rechte zu kämpfen (z.B. Gründung Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener BPE 1992). Seitdem sind zahlreiche – auch regionale – Initiativen entstanden, die die Psychiatrie in vielen Bereichen mitgestalten und dadurch nutzerorientierter und menschenwürdiger machen.

Initiative im Bodenseekreis
Seit gut drei Jahren gibt es auch im Bodenseekreis eine regionale Interessenvertretung, die Initiative Psychiatrie-Erfahrener Bodensee (iPEBo). Im Verein gibt es drei Selbsthilfegruppen. Auch ist der Verein Teil des Gemeindepsychiatrischen Verbunds Bodenseekreis, wo er demnächst gleichwertiges, stimmberechtigtes Mitglied werden soll. Daneben werden immer wieder inklusive Kulturveranstaltungen (Theateraufführungen und Musikveranstaltungen) durchgeführt. Auch am Projekt „KnallAktiv“ wirkt iPEBo mit, bei dem es darum geht, Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Psychiatrieerfahrung zu fördern: durch gemeinsames Tun, kulturelle oder auch informative Veranstaltungen.

Betroffene als Experten
Eine mutmachende Entwicklung der jüngsten Zeit ist die Einführung von Weiterbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Psychiatrieerfahrene in der Psychiatrie. Seit 2010 gibt es in Baden-Württemberg die Qualifizierungsmaßnahme EX-IN. Hierbei steht das eigene Erfahrungswissen bei der Bewältigung von seelischen Krisen im Vordergrund. Voraussetzung für die Ausbildung ist die Fähigkeit über die eigene Gesundungsgeschichte reflektieren zu können, das Wissen in der Gruppe auszutauschen und es Mitbetroffenen auf ihrem Genesungsweg vermitteln zu können. Auch im GpZ Überlingen kommen EX-IN-Ausgebildete zum Einsatz. Der Bereich Peer-Arbeit bringt die KlientInnenperspektive in die professionelle Arbeit ein und dient als interne und externe Anlaufstelle für Psychiatrieerfahrene im Landkreis, die in Kontakt mit dem GPZ Überlingen stehen.

Schlagwort Inklusion
Trotz Reform, Gemeindepsychiatrie, Selbstvertretung der PE und neuen Arbeitsmöglichkeiten leben viele Psychiatrieerfahrene immer noch weitgehend im Dunstkreis der Psychiatriewelt. Wirkliche Teilhabe am Leben im nichtpsychiatrischen Umfeld findet nur selten statt, vor allem für Menschen mit schweren psychiatrischen Diagnosen. Wer die Spielregeln der nichtpsychiatrischen Gemeinschaften nicht beherrscht und nicht konform ist, hat wenig Aussicht auf ein dauerhaftes Leben außerhalb seiner Nischen!

Den Kampf weiterführen
Die Entwicklungen gerade in den letzten Jahren stimmen mich im Großen und Ganzen positiv. Die Sichtweise der Professionellen auf Psychiatrieerfahrene mit der defizitären Brille und die daraus resultierende Fürsorglichkeit wird zunehmend durch partnerschaftliche Beteiligung und Empowerment abgelöst. Ein weiter Weg wird noch zu gehen sein, bis wir uns gesellschaftlich so einbringen können, wie wir sind – egal ob psychotisch, manisch oder sonst irgendwie abweichend von der Norm. Andere Gruppen haben uns vorgemacht, dass sich ein Einsatz – wenn auch manchmal im Kleinen – lohnt (z.B. die Frauenbewegung oder die Umweltbewegung). Diese Vorbilder machen Mut beim Engagement für mehr Buntheit, Vielfalt und Offenheit! Ich wünsche allen, die sich dafür einsetzen, dass sich die Verhältnisse für Psychiatrieerfahrene weiter verbessern, viel Kraft, Ausdauer und Beharrlichkeit.
hellblau_punktRainer Schaff

Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte gebe die Sicherheitsabfrage ein *