Die Bedeutung der Liebe im Werk von Erich Fromm – Interview mit Dr. Rainer Funk


Rainer Funk studierte Philosophie und Theologie. 1974 bis 1980 war er Assistent von Erich Fromm, über den er 1977 promovierte und dessen zehnbändige Gesamtausgabe er von 1975 bis 1981 editierte. Der 1980 verstorbene Fromm setzte Funk als seinen Nachlassverwalter ein. Seitdem baut Rainer Funk aus dem Nachlass und der Bibliothek Erich Fromms in
Tübingen das Erich-Fromm-Archiv auf. Er ist Inhaber der Rechte an Fromms Schriften und im Vorstand der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft tätig. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit betreibt Rainer Funk eine psychoanalytische Praxis. Auf meine Anfrage erhielt ich freundlicherweise sehr kurzfristig einen Interviewtermin.

Daniela Schmid: „Guten Tag Herr Funk, ich hatte bereits 2014 die Chance wahrnehmen dürfen an der Tagung „Festung Europa? Vom Umgang mit Flüchtlingen“ der Internationalen ERICH FROMM Gesellschaft e.V. in Kooperation mit dem Haus am Maiberg für politische und soziale Bildung in Heppenheim an der Bergstraße teilzunehmen. Den Bericht hierüber hatten wir in unserer Zeitschrift  GePetZt gedruckt: Freud oder Fromm? – Die Perestroika ist nah! Nun reflektieren wir in unserem neuen Magazin ZOOM nah dran zum Thema »Von der Liebe lernen« und ich bin bei der Recherche auf Ihren Beitrag »Die Bedeutung der Liebe im Werk von Erich Fromm« gestoßen. Ihre differenzierten und neu zu überdenkenden Sichtweisen erachte ich als sehr spannend und überaus wichtig in der heutigen Zeit. Ich möchte diese unserer Leserschaft der psychisch erkrankten und seelisch behinderten Menschen sowie einer breiten Öffentlichkeit nahe bringen. Im ersten Kapitel hinterfragen Sie schon in der Überschrift: „Liebe eine ernstzunehmende Fähigkeit?“ Bemerkenswert ist hier vor allem Ihre Einleitung, in der deutlich wird, dass Erich Fromm tatsächlich im Jahr 1939 mit dem Beitrag „Selfishness and SelfLove“ (Fromm, 1939b) und 1956 mit seinem Buch „The Art of Loving. An Inquiry into the Nature of Love „(1956a) der erste Psychologe war, der sich mit der Liebesfähigkeit des Menschen beschäftigte. Die Liebe war damals kein Gegenstand der Biologie, der Soziologie, der Medizin, der Psychologie oder anderer Humanwissenschaften. Selbst Sigmund Freud sah in der Liebe keine ursprüngliche Fähigkeit des Menschen. Die Liebe war dennoch immer schon präsent in der Literatur, Musik, Malerei und anderen Formen darstellender Kunst. Auch in der Religion, in der Philosophie und der Ethik spielte die Liebesfähigkeit bzw. Liebesunfähigkeit schon immer eine zentrale Rolle. Hier findet sich meines Erachtens der Widerspruch der Freudschen Psychologie zur Realität!

Was können wir nach Auffassung Erich Fromms im Umgang mit psychisch erkrankten
Menschen von der Liebe nun lernen?
Rainer Funk:

Fromm hat die Liebesfähigkeit nicht wie Freud aus dem Sexualtrieb erklärt, sondern aus der Bindungs- und Beziehungsfähigkeit des Menschen. Auch gilt für Fromm, dass die Liebe zum Anderen nicht auf Kosten der Liebe zu einem selbst geht; vielmehr gilt: So wie die Beziehung zu mir selbst ist, so ist auch die Beziehung zu anderen. Betrachten wir die therapeutische Situation. Jemand kommt, weil er ein Leiden hat. Liebe heißt hier zunächst, dass man sich auf die Art, die dieser kranke Mensch gewählt hat, z.B. nicht mehr zu reden, dass man sich darauf einlassen kann, dass man es akzeptieren, ja wertschätzen kann. Bevor ich irgendwas ändern will, muss ich akzeptieren können: Dieser Mensch hat gute Gründe, dass er diese Symptomatik entwickelt hat. Er redet zum Beispiel nicht, weil er ein Familiengeheimnis nicht ausplaudern darf, was in der in und nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Generation sehr häufig vorkam. Dann geht es darum, zu begreifen: Da ist nicht nur dieser erwachsene Mensch, der nicht redet, sondern es sitzt mir zugleich das Kind gegenüber und findet diese kindliche Situation noch so beängstigend, dass es nicht den Mund aufmachen kann. Wenn man dieses Verständnis jemand anderen spüren lassen kann und signalisiert: Ich kann ganz gut nachvollziehen, dass man nicht mehr redet, dann hat man eine akzeptierende und Vertrauen schaffende Basis, die es möglich macht, dass dieses Kind doch anfängt zu sprechen. Liebe bedeutet in der therapeutischen Situation zunächst, Vertrauen zu ermöglichen, um einen Zugang zu dem zu bekommen, was hinter dem Symptom an unerträglichem Leiden oder an Verletzung liegt. Das ist ein sehr spezieller Fall von Liebe, weil man da alle alltäglichen Maßstäbe fallen lassen muss.

Wie können wir den Betroffenen und den Professionellen Mut machen, dass Heilung und Genesung in Liebe erreicht werden kann?

Zunächst gilt es mit Fromm zu erkennen, dass zu lieben eine grundsätzliche
Fähigkeit des Menschen ist. Die Fähigkeit, den anderen und sich selbst lieben zu können, hat seinen Grund in der Biologie des Menschen, in seiner angeborenen Fähigkeit zu Kooperation und prosozialem Verhalten. Es braucht also große Gegenkräfte in Kultur, Gesellschaft und Erziehung, um diese primäre Tendenz außer Kraft zu setzen. Es gibt schon die sehr durchgängige Erfahrung, dass man die Zuneigung zum Anderen, die Offenheit für den Anderen und die Liebe zum Anderen an der Stelle verlernt, wo man selbst zu sehr enttäuscht ist. Der Umgang mit Entäuschungen ist eines der wichtigsten Felder, wo man das Lieben wieder erlernen kann. Weil Enttäuschung immer etwas Blockierendes ist, muss man sie aufarbeiten. Tut man es nicht, blockiert sie die  Liebesfähigkeit. Von der therapeutischen Erfahrung her kann man sagen, dass Menschen sich an der Stelle ins Positive entwickeln, wo man an die schweren Stellen eines Menschen gelangt, die ihn zwangen sich zu verkriechen, zu verstecken. Oft glauben enttäuschte Menschen, ihr Leben nur noch retten zu können, wenn sie sich zurückziehen. Dies kann schon als Kind passiert sein, aber auch im erwachsenen Leben vorkommen. Eine heftige Enttäuschung kann einen sprachlos machen und einem den Mut nehmen zu sprechen oder ganz einfach mal zu schreien. Wir haben heute verstärkt das Problem, dass man seiner Enttäuschung keinen Ausdruck geben darf, weil negative Gefühle nicht ausgedrückt, ja nicht einmal bei einem selbst mehr wahr genommen werden sollen. Enttäuschte Liebe, entäuschte Beziehungserfahrungen können eine riesige Blockade sein, um noch Liebe spüren zu können und Liebe ausdrücken zu wollen.

Hier gilt es also anzusetzen. Sie schreiben: „Es gibt heute kaum ein Wort, das so
häufig für das eigene Handeln reklamiert und so unterschiedlich verstanden wird,
wie das Wort „Liebe“. Wie können wir Veränderungen in Gang bringen, grundlegende
Veränderungen, damit das Wort Liebe seinen positiven Sinn behält und authentisch
sein kann?

Für Fromm kann man in der Liebesfähigkeit wachsen, wenn man versucht, die unbekannten Seiten von einem selbst mehr kennen zu lernen. Ihm ging es darum, die Beziehung zu sich und das, was einem unbekannt und unbewusst ist, in Erfahrung zu bringen. Wenn ich mir selbst nicht mehr fremd bin, dann habe ich auch kein Problem, das Fremde im Anderen wertzuschätzen und lieben zu können. Erich Fromm meditierte deshalb regelmäßig und analysierte sich selbst. Wer ganz bei sich ist, kann ganz beim Anderen sein. Liebe hat bei Fromm ganz viel damit zu tun, sich mit seinen Ängsten und Nöten, mit seinen unliebsamen Aspekten kennen zu lernen und lieben zu lernen. Warum bin ich an dieser Stelle so unduldsam? Warum kann ich etwas gar nicht aushalten? Warum nervt mich das so arg? Im täglichen Umgang mit anderen Menschen kann man pausenlos lernen zu lieben.

Weiter können wir lesen: „Jeder will ein Liebender sein und rationalisiert sein faktisches Verhalten als Äußerung einer Liebesfähigkeit. Nur ganz insgeheim oder im geschützten Raum einer Psychotherapie wird jemand zugeben, sich liebesunfähig zu fühlen … Jemand, der um seine lieblosen Seiten weiß, wird nachdenklich reagieren und zugeben können, wie eingeschränkt und selektiv die eigene Liebesfähigkeit ist.“

Sie konstatieren: „Umso stärker drängt sich die Frage auf, wie die Liebesfähigkeit
auf den Boden der Realität heruntergeholt und ein humanwissenschaftlicher Zugang zur Liebesfähigkeit gefunden werden kann.“ Gibt es hierfür eine Handlungsempfehlung?

Was mich an Fromm am meisten fasziniert hat, war seine Fähigkeit, seiner
Liebe Ausdruck zu verleihen. Wir haben Augen, um zu sehen, Ohren, um zu hören und wir haben die Liebesfähigkeit, um zu lieben. Der Vergleich mit den Sinnesfähigkeiten ist durchaus sinnvoll. Tatsächlich hat mich bei Fromm am meisten beeindruckt, dass er dieses Bedürfnis, seiner Liebe Ausdruck zu geben, praktiziert hat, wo immer es möglich war. Für die Meisten ist das unmittelbare partnerschaftliche – ob in der Ehe oder außerhalb der Ehe – direkte Zusammensein mit einem Menschen, der einfach anders ist als man selbst, das stärkste Lernfeld der Liebe. Seine letzte Frau Annis hat er im Dezember 1953 geheiratet, das Buch „Die Kunst des Liebens“ kam 1956 auf den Markt. Es hat ganz viel von dieser sehr beglückenden Erfahrung mit seiner Frau Annis Eingang in dieses Buch gefunden. Ich war in den letzten Jahren von Fromm sein Assistent. Es war eindrucksvoll, wie liebevoll die beiden Menschen miteinander umgingen – auch noch im Alter. Der Leser hat gemerkt, das Buch ist von jemandem geschrieben, der liebend ist. Zweifellos ist dies mit ein Grund, warum es ein so großer Welterfolg wurde. Liebe tut gut, man fühlt sich wohl. Und Liebe ist ansteckend. Das 3. Kapitel trägt die Überschrift: Die psychologische Begründung der charakterbedingten Liebesfähigkeit. „Was jemand unter Liebe versteht und wie sich die Liebesfähigkeit artikuliert, hängt nach Fromm in ganz erheblichem Maße von den aktuellen gesellschaftlichen Bezogenheitsmustern und der entsprechenden Sozialcharakterorientierung ab. … Die Auswirkungen der digitalen Revolution hat Fromm nur noch ansatzweise miterlebt. Der Siegeszug der Digitalisierung, der elektronischen Medien und der Vernetzungstechnik hat zu massiven Veränderungen nicht nur der Produktionsweise und Arbeitsorganisation, sondern auch der Vergesellungsformen und der Lebenspraxis der Vielen geführt, so dass es in den letzten 30 Jahren zu einer neuen Sozialcharakterorientierung kam.“ (Rainer Funk, 2005; 2011) Sie haben ihn den „Ich-orientierten-Charakter“ genannt.

Würden Sie den Begriff Sozialcharakter erklären?

Das Besondere an Fromm ist, dass er gezeigt hat, wie jede Gesellschaft versucht, ganz bestimmte Grundmuster des Bezogenseins zu entwickeln. Die Marktwirtschaft versucht, Menschen zu schaffen, die dem Wettbewerb standhalten und rivalisieren wollen bis zum Knockout. Nicht den Anderen zu lieben und solidarisch zu sein, sondern Ellenbogen zu nutzen, Sieger sein – ist die Devise. Wie sehr dies geschieht, zeigt ein Blick auf den
Sport, die Unterhaltungsindustrie, Wettkampfsport, Quizsendungen. Alles hat die Dimension des Wettbewerbs, nicht des Liebens. Es geht darum, den Anderen zu schlagen, nicht zu lieben. Weil dies gesellschaftlich so verbreitet ist, spricht Fromm von einem Gesellschafts- oder Sozialcharakter.

Müssen wir akzeptieren, dass in den Medien Liebe mit Sex gleichgesetzt wird? Was könnte dem entgegengesetzt werden?

Dadurch, dass jeder Mensch sich einer gesellschaftlichen Gruppierung zugehörig fühlen muss, übernimmt er immer auch bis zu einem gewissen Grad deren Beziehungsmuster, wo die Liebe im Bereich der Illusion, im Fiktiven oder im Sex stattfindet. Dennoch gibt es eine Nähe von Liebe und Sexualität, denn vom Biologischen her ist die Sexualität an den Wunsch gebunden, sich mit einem anderen Menschen zu vereinen. So entsteht der Wunsch dem Anderen ganz nah zu sein und sich zu vereinigen. Wenn wir sexuell angeturnt sind, fällt es leicht, schöne Dinge zu sagen. Alles ist problemlos an der Stelle. Der so hervorgerufene Wunsch nach Nähe zum Anderen hat wenig damit zu tun, ob jemand wirklich eine echte Zuneigung für einen Menschen hat und mit ihm das Leben teilen will. Wenn man sexuelle Lust und Befriedigung sucht, ist es eben auch sinnvoll, dass man das Leben teilt, um sich mit einem anderen Menschen die Lust zu teilen. Dies kann die Liebesfähigkeit befördern, weil über die sexuelle Vereinigung die Liebe zueinander Ausdruck finden kann. Nach Fromm aber begründet die Sexualität nicht die Liebesfähigkeit.

Fromm sagt: „Wer gibt, kann nichts verlieren“. Wenn alle Menschen gleichermaßen
bedingungslose Liebe erfahren würden, wäre dann nicht ein Mindestmaß an inanzieller Sicherheit in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens erforderlich,
wenn nicht sogar unverzichtbar?

Leben und Lieben ist immer ein Geben und Nehmen. Man sollte nicht den Schluss daraus ziehen, dass nur bedingungslose Liebe weiterhilft. Die bedingte Liebe, bei der ich etwas Liebenswertes erbringe, gehört zum Leben jedes erwachsenen Menschen hinzu. Jeder Mensch muss diese beiden Formen, die bedingungslose, mütterliche und fürsorgliche Liebe, aber auch die bedingte väterliche, bedingte Liebe erfahren und als eigene Fähigkeiten entwickeln. Dabei geht die bedingungslose Liebe entwicklungspsychologisch der bedingten Liebe voraus. Die bedingte Liebe meldet sich dabei schon mit zwei bis drei Jahren mächtig zu Wort, indem es in seinen Fähigkeiten gespiegelt und bestätigt werden möchte. Es muss schon viel passieren, dass man einem Kind diese Liebesfähigkeit austreibt und kaputt macht. Kleine Kinder sind zwar noch sehr abhängig, aber sie zeigen bereits eine faszinierende Liebesfähigkeit.

Herzlichen Dank, Herr Funk, für Ihre wertvolle Zeit und die ausführlichen Antworten, die geprägt sind vom würdigen Umgang mit psychisch erkrankten Menschen!

Daniela Schmid

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_
Funk
http://www.fromm-gesellschaft.eu/
images/pdf-Dateien/Funk_R_2017c.
pdf
gepetzt.de/freud-oder-fromm-die-perestroika-
ist-nah/

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